Tehran

Wir fahren auf der Autobahn Richtung Tehran, die Hauptstadt des heutigen Persiens. Was habe ich bis anhin für ein Bild von diesem sehr faszinierenden Land? In westlichem Territorium wird vom Iran abgeraten. Es könnte gefährlich sein, es gibt terroristische Aktivitäten – bis anhin haben wir  nicht im Entferntesten davon gehört geschweige denn etwas davon erlebt. Man spürt meines Erachtens nach die jahrtausendalte, Persische Kultur in (fast) jeder Begegnung mit einem Iraner oder einer Iranerin, was jedoch seltener vorkommt als das erstere. Man muss an dieser Stelle auch sagen, die Unterschiede der Schichten sind extrem. In den oberen Schichten wird der Lebensstandard im Geheimen und mit Kontakten in die Verwaltung des Landes massiv gehoben. Private Parties, wie wir sie auch erlebt haben, sind an der Tagesordnung. Alkohol wie auch sonstige Konsumware sind ohne Probleme zu erhalten. Reiche Leute haben sich teilweise den Privatclub direkt ins Haus mit eingebaut. Unter diesen Umständen werden Begegnungen zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht vor der Heirat möglich gemacht. Aber nun sind wir in Tehran angekommen und haben noch keine Ahnung von all dem. Unser Bild vom Iran ist zu diesem Zeitpunkt bereits sehr positiv geprägt. Die Gastfreundschaft, die maßlose Herzlichkeit, wie auch die Hilfsbereitschaft sind so Gross wie ich sie noch nie erlebt habe. Mit einer Selbstverständlichkeit helfen sich die Iraner auf der Strasse oder sonst wo wenn es gebraucht wird. Man spürt in diesem Land die ethischen Grundsätze, die unsere Welt dringend wieder kultivieren muss, stärker als irgendwo auf der Welt. Ausser im Verkehr, der unserer Ansicht nach Gewöhnungsbedürftig aber machbar ist, schaut jeder für sich selbst.

04-21-09-110

Zurück zu Tehran. Wir kommen ca. am 18 April 2009, nachts in Tehran an. Da wir in Tabriz eher Leute von der unteren Mittelschicht kennengelernt haben, nehmen wir uns vor, nun zu versuchen in die oberen Schichten zu gelangen, da uns die Meinung und Ansicht über den Iran von Intellektuellen oder gebildeten Leuten interessiert. Gibt es Unterschiede? Wie gehen die verschiedenen Schichten mit der momentanen Situation in ihrem Land um?

Wir fahren nach Nord-Tehran, wo die reiche Gegend der Stadt liegt. Irgendwo halten wir an, da wir keinen Plan haben, wo wir uns auf der Karte befinden. Wir treffen einen jungen Mann, der uns nach einer kurzen Konversation zu sich nach Hause einlädt. Wir nehmen an. Esan, so heisst er, ist Ingenieur und Spezialtaucher im Persischen Golf. Er lebt 11 Monate im Jahr auf See und baut Spezialanlagen unter Wasser, hauptsächlich für die Ölindustrie. Auch ist er in einem Spezialsquad die Schiffsfracks bergen und Schiffe auf See in Krisensituationen reparieren. Sein Englisch ist gebrochen aber nicht schlecht. Am nächsten Tag werden wir von der Familie eingeladen. Abgesehen von Esan, dem Macher und Pragmatiker,  ist die Familie sehr gebildet. Die Mutter lebt getrennt vom Vater der Kinder mit den zwei Brüdern von Esan, Mohammed und Hamed. Die nächsten Tage verbringen wir hauptsächlich mit Mohammed und Esan. Jeden Abend sind wir zum Essen eingeladen. Zum ersten Mal spüren wir wie das iranische System vor allem den jungen, gebildeten Leuten, zur Last fällt. Lange Gespräche mit Mohammed, der sehr gut Englisch spricht, geben uns Einblick in die momentane Situation, die Vergangene und die Chancen für die Zukunft – es sieht grau aus. Chatami, der vor dem jetzigen Präsident an der Macht war, hat anscheinend ein positiveres Renommee. Die Situation für die Bevölkerung war insgesamt besser als heutzutage, wie wir erfahren. Die Schichten sind im Iran wir folgt aufgeteilt: 15% Oberschicht, 25% Mittelschicht und 60% Unterschicht. Man muss hierzu aber auch sagen, dass durch die staatliche Finanzierung  von Grundnahrungsmitteln, es auch in der Unterschicht den wenigsten an Essen fehlt. Die Infrastruktur im ganzen Land ist besser als z.B. in der Türkei. Man spürt die kraft des Öls, das Land hat grundsätzlich viel Geld.

04-23-09-057

Bereits am nächsten Tag erleben wir etwas, das uns vermutlich für immer in Erinnerung bleibt. Da es für junge Leute keine Plätze gibt, wo sich Frauen und Männer kennenlernen können, haben sich zwei Orte Etabliert – zum einen zwei Strassen und zum andern die Shopping Centers. Die zwei berühmt berüchtigten Strassen funktionieren so,  dass Autos mit Frauen und Autos mit Männern langsam die Strasse herunter fahren, man mit den verschiedenen „Frauen Autos“ (aus unserer Perspektive) auf gleiche Höhe fährt, flirtet und wenn einem jemand gefällt man am Rotlicht anhält, redet und gegebenenfalls die Nummern austauscht. Das ganze wird dadurch verfeinert das nun meist diverse „Männer Autos“ an einem „Frauen Auto“ interessiert sind – dann beginnt der Kampf. Der wird natürlich auch mitentschieden durch die Frauen die sich dann die aussuchen, die Sie haben wollen. Man muss hier anmerken, das meiste wird hier über das Äußerliche gemacht. Alle sind natürlich fein raus geputzt und wenn man dann noch einen teuren Wagen fährt, ist man an der Spitze. Von Zeit zu Zeit lauern die Sittenwächter an den Rotlichtern – alles löst sich sofort auf. Die einen drehen, die anderen geben Gas und die dritten lassen sich zurückfallen. Immer wieder wird jemand rausgenommen, wenn es sehr Offensichtich ist das Diese oder Dieser gerade versucht hat Kontakt aufzunehmen. Es endet meist  nur mit einer Busse. Für uns fantastisch dieses Spiel mit anzusehen. Die Shopping Centers sind ebenfalls geeignete Orte um Kontakt mit dem anderen Geschlecht aufzunehmen. Es ist köstlich wie all die jungen Leute durch die Malls schlendern und so desinteressiert an den Shops sind. Man flirtet, läuft auf gleicher Höhe, spricht und tauscht gegebenenfalls Nummern aus. Es gibt es auch das zwei für kurz in einer dunklen Ecke verschwinden.

Tehran liegt am südlichen Fuss des Alborz Gebirges. Auf der Nordseite liegt das Kaspische Meer. Dadurch das Tehran auf durchschnittlich 1600m.ü.m. liegt, ist es auch im Sommer von der Temperatur her einigermassen ertragbar. Natürlich liegen die reichen Viertel im Norden auf ca. 1800m.ü.m. Dies zum einen da dort das Klima nochmals angenehmer ist und zum anderen wegen dem Smog. Im Sommer muss Tehran mit seinen schätzungsweise 12 Mio. Einwohner und den entsprechend vielen Autos im Smog versinken. Da profitieren natürlich auch wieder die Reichen die weiter am Berg wohnen. Das alte Stadtzentrum mit dem Bazar, dem Azadi Monument etc.  liegt jedoch im Süden. Nach dem Sturz des Shahs wurde ein weiterer Turm errichtet, der sozusagen als neues Wahrzeichen für Tehran stehen soll. Jedoch nehmen die Leute die wir kennengelernt haben, diesen nicht wirklich als Solchen war.

Bereits nach einer 40 minütigen Autofahrt von Tehran in die Berge, kann man Ski oder Snowboard fahren. Die beiden besten und bekanntesten Plätze sind nicht nur wegen des Wintersports beliebt bei den Iranern, sondern auch desshalb, da dort keine oder nur sehr wenig Sittenwächter oder Polizisten anwesend sind. Dadurch ist es auch möglich, mit Freundin oder Freund, offen auf der Strasse Hand in Hand zu gehen. Ein „normaleres“ Leben ist dort möglich.

04-23-09-060

Wir fahren ein Dieselauto. Diesel wird im Iran nur für gewerbliche Zwecke gebraucht. Nun, im Iran gibt es dementsprechend keine Dieselautos, nur die Lastwagen fahren mit Diesel. Einige Tage bevor wir in den Iran einreisten, lancierte die Regierung eine sogenannte Dieselkarte. Das heisst, an den Tankstellen gibt es nur Diesel mit eben dieser sogenannten Dieselcard. Die ersten Male als wir tanken mussten im Iran, verstanden wir nicht was die Tankwarte von uns wollten und da diese grosse Hilfsbereitschaft im Iran herrscht, tauchte immer innert wenigen Minuten von irgendwem eine solche Karte auf. Wir verstanden nicht wieso wir jedesmal als wir tankten nur immer 2 Dollar zahlten für einen 90 Liter Voll tank! Also, nun sind wir in Tehran, wissen von dieser Karte, wissen aber auch das wir sie eigentlich nicht brauchen. Schlussendlich entscheiden wir uns trotzdem zu versuchen, eine solche Karte zu bekommen. Ja und so stürzen wir uns in die Bürokratie des Irans… Wir rennen von Amt zu Amt, natürlich immer in verschiedenen Lokationen, kommen wieder in die Vorherigen zurück, Esan und Mohammed reden und reden und reden und erklären. Schlussendlich kommen wir ins Iranische Ministerium für Benzin und Diesel. Dort weilen wir ca. 3 Stunden, alle wollen uns selbstverständlich helfen, wollen eine Lösung finden. Wir verstehen nicht im Geringsten was das Problem ist. Und siehe da, plötzlich kommt ein Anruf und wir werden nach oben gebeten. Wir werden, wie wir später erfahren, vom „ iranian third Chief of Petroleum“ empfangen. Natürlich gibt es Chai und nach ca. 15min kommt dann der „ iranian second Chief of Patroleum“. Wir besprechen die Situation, die Herren machen Brainstorming was sie tun könnten und wollen dann nach langem Beraten ein spezielles Tankstellennetz auf unserer Route definieren, die sie avisieren uns Diesel zu geben wenn wir kommen. Wir erfahren nun auch was das Problem ist. Die Herren haben dieses Szenario, das Ausländer mit einem Dieselauto einreisen, bei ihrer Lancierung der Karte nicht berücksichtigtJ Wir erklären dass wir keine definitive Route haben und uns auch nicht festlegen wollen. Plötzlich kommt ein Mann rein, alle stehen auf, verneigen sich, er schüttelt uns die Hand, gibt Anweisungen und nach einer Minute ist er wieder weg - Das war der Oberchief. Es wird uns mitgeteilt dass wir eine Karte bekommen! So schnell kann es gehen wenn man mit den richtigen Leuten spricht. Smile… Wir können noch wählen wie viel Liter wir brauchen und somit sind wir nun die ersten, stolzen Touristen die eine iranische Dieselkarte besitzen.

Insgesamt weilen wir eine Woche in Tehran bevor wir weiter Richtung Esfahan fahren.


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